Als ich die Suite verlassen hatte und nur noch wenige Schritte vom Aufzug entfernt war, fiel mir unverhofft und ohne irgendeine Vorwarnung eine ziemlich heiße Braut in die Arme. Zarter Rücken und schmale Schultern – das fühlte sich gut an. Sie lag nicht einmal eine Sekunde in meinem Arm, als sie anfing, mich frivol vollzulabern.
Der Hammer dabei war, dass sie mich nicht einmal gefragt hatte, ob ich überhaupt Bock auf sie habe. Verblüfft stand ich also mit einer fremden Tussi im Arm und Gänsehaut an den Beinen auf dem Hotelflur und war gezwungen, ihrem druffen Gelaber zuzuhören. Ich wand mich, um sie irgendwie loszuwerden. Zwecklos. Denn die Tante hatte sich an mir festgebissen wie eine blutsaugende Zecke. Und zwar wortwörtlich.
Trotz des leichten Schmerzes, den ihr Biss meinem Körper bereitete, gefiel es mir, wie die Kleine sich an mir festhielt. Dazu umfing mich ihr Geruch, und sie roch gut. Nachdem sie mir während der ersten fünf Minuten ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hatte und ich den Eindruck gewann, jedes ihrer Geheimnisse zu kennen, nutzte ich die nächste Gelegenheit, um mich bekannt zu machen: „Freut mich dich kennenzulernen!“
Doch sie reagierte kaum auf meine Vorstellung, abgesehen davon, dass sie mir ein schönes Lächeln schenkte. Statt mir also ihren Namen zu verraten, baggerte sie mich weiter hemmungslos an, mit allem, was sie zu bieten hatte. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Ein Angebot, das jedem Mann gefallen musste. Ein fantastischer Augenblick. Sie hatte langes, wallendes, pechschwarzes Haar, eine atemberaubende Figur, Mordstitten und kleine knochige Hände. Der Blick in ihr Dekolleté ließ gleich eine ganze Reihe sexueller Fantasien in mir aufsteigen. Die Qualität ihrer Brüste war beispiellos. Außerdem war das Mädchen greifbar, und ich dachte zunächst, leichtes Spiel zu haben.
Eine klassische Fehleinschätzung. Denn wie sich später herausstellen sollte, war diese Frau alles andere als ein leichtes Spiel. Vielmehr war sie eine wahrhaftige Herausforderung für mich. Unerfüllbar schienen ihre Wünsche und meine Erfahrung mit Frauen von diesem Schlag sollte nicht ausreichend sein. Strapaziert von der Begegnung überlegte ich, wie ich das Ruder an mich reißen konnte. De facto war es genau dieser Typ Frau, den ich mein ganzes Leben lang zu meiden versucht hatte. Da im Leben aber nicht immer alles nach Plan läuft, stand mir dieses Kaliber nun ungewollt gegenüber. Und kein Ausweg in Sicht.
Eine der ersten Fragen, die mir in dieser brenzligen Situation durch den Kopf schossen, war die nach Karl. Ich hatte zwar keine Ahnung warum, war mir aber sicher, dass Karl wusste, wie man mit einer Frau dieses Typs umzugehen hatte. Die Sache hatte nur einen Haken: Karl war nicht hier und fiel als Hilfe aus. Warum in Gottes Namen hatte ich nicht auf Karl gehört und auf ihn gewartet? Ich wollte unabhängig sein, die Dinge einmal ohne ihn durchziehen und meine Freiheit ihm gegenüber beweisen. Ein großer Fehler, wie sich in diesem Moment herausstellte. Während ich eigentlich längst auf dem Weg zum verabredeten Treffpunkt sein sollte, um das Koks von Ritchie entgegenzunehmen, stand ich stattdessen wie angewurzelt mit einem Groupie im Arm auf dem Hotelflur.
Trotzdem: Das Mädchen in meinem Arm gefiel mir, und ich wollte in dieser Nacht unter keinen Umständen von ihr lassen. Zumindest so lange nicht, wie kein Polaroid von ihr in meiner Trophäenkiste lag. Nichts sprach dagegen, sie nach getaner Arbeit auf einen Drink in meine Suite einzuladen, um sie ein bisschen näher kennenzulernen. Ich schaute sie mir noch einmal ganz genau an. Begutachtete die Kleine von oben bis unten, musterte sie wie ein Stück Fleisch auf Farbe und Frische.

2/5